16 October 2026
The Constitution Releases Its Children
The shock over the shift to the right in the first round of the Brazilian elections on October 4th runs deep. It is felt not only by supporters of the current incumbent, President Luiz Inácio Lula da Silva, and his broad coalition, but also by all those who had hoped, Brazil would defy the crisis of liberal democracy and remain a bulwark of democratic constitutionalism. Even if there remains a glimmer of hope that the return of Bolsonarism to the presidency during the runoff on October 25 can still be held off, it is clear already after the first round that a hard right populism will dominate the Brazilian Congress and most of its state governments – and, hence, the baselines of Brazilian politics –, even if Lula should, in the end, be re-elected by a whisker.16 October 2026
Die Verfassung entlässt ihre Kinder
Der Schock über den Rechtsrutsch in der ersten Runde der brasilianischen Wahlen sitzt tief. Nicht nur bei Anhängern des Amtsinhabers Luiz Inácio Lula da Silva und seiner Koalition, sondern auch bei all jenen, die hofften, Brasilien werde der Krise der liberalen Demokratien trotzen und ein Bollwerk des demokratischen Konstitutionalismus bleiben. Vorerst überwiegt zwar noch die Hoffnung, beim zweiten Wahldurchgang am 25. Oktober doch noch die Rückkehr des Bolsonarismus ins Präsidentenamt verhindern zu können, aber schon jetzt ist klar, dass ein harter Rechtspopulismus den zukünftigen Kongress und eine Mehrheit der 26 Bundesstaaten dominieren wird, selbst wenn Lula um Haaresbreite wiedergewählt werden würde.09 October 2026
Pillars of Society
Thirteen men and two women make up the Christian Democratic Union’s group in the newly constituted state parliament of Saxony-Anhalt. On Tuesday, four of them helped elect a right-wing extremist as President of the Landtag. In protocol, and in politics too, this office carries exceptional weight. What interests me is the fact that in a state governed by CDU Minister-Presidents for a quarter of a century, one in four Christian Democratic MPs gives their vote to a right-wing extremist. Right-wing extremist: what could be more Christian Democratic than this term of demarcation? Not the ‘right-wing’ part. The CDU is on the right itself. It is the ‘extremist’. The insistence that there is a difference between the centre and the extreme. And that this difference is constitutive.09 October 2026
Stützen der Gesellschaft
13 Männer und zwei Frauen bilden im soeben konstituierten Landtag von Sachsen-Anhalt die Fraktion der Christlich-Demokratischen Union. Vier von ihnen haben am Dienstag einen Rechtsextremen in das protokollarisch und durchaus auch politisch außerordentlich bedeutsame Amt des Landtagspräsidenten gewählt. Mich interessiert der Fakt, dass in einem Land, das seit einem Vierteljahrhundert von CDU-Ministerpräsidenten regiert wird, jede:r vierte christdemokratische Abgeordnete einem Rechtsextremen seine/ihre Stimme gibt. Rechtsextrem: Was ist christdemokratischer als dieser Abgrenzungsbegriff? Nicht das "Rechts-" darin. Rechts ist die CDU selbst. Sondern das "-extrem". Das Bestehen darauf, dass es einen Unterschied gibt zwischen Mitte und Extrem. Und dass dieser Unterschied konstitutiv ist.02 October 2026
Über das Schenken
Dieser Tage wird in Berlin nicht nur gefeiert, sondern auch gestritten: Seit die Linke bei der Wahl letzte Woche stärkste Kraft geworden ist, geht es mal wieder um „Deutsche Wohnen enteignen“. Wir Jurist:innen streiten gerne über die dogmatischen Feinheiten zwischen Art. 14 und 15 GG, aber heute geht es um eine gröbere Körnung: Eigentum, Enteignung, Vergesellschaftung – alles Begriffe, die erst durch rechtlichen Zauber entstanden sind. Treten wir einige Schritte (oder Jahre) zurück, können wir Grund und Boden noch mit unschuldigen Augen sehen: unbestelltes Land, Wildnis.02 October 2026
On Giving
Since Die Linke came first in last week’s Berlin election, “Deutsche Wohnen enteignen”(expropriate Deutsche Wohnen) is back on the agenda. The debate has been in the cellar for a while too, but it deserves our attention, not least because the federal government wants to bin it with a law banning socialisation altogether. Today, though, let’s look at it through a coarser sieve. Property, expropriation, socialisation: all of these concepts were conjured up by legal magic. If we step back a little (or a few millennia), we can still see land with innocent eyes: untilled ground, wilderness.25 September 2026
Why I Write
I am not an award-winning writer or scholar. I live and work in conditions that are endlessly generative in terms of ideas that I could write about, and still, those very same conditions make it almost impossible to write. I write because I have come to know that it is a way in which I experience my humanness and a way in which I connect with the humanness of others across time and space. Perhaps this is why, for my writing, I do not use AI, at least not intentionally and not yet.25 September 2026
Warum ich schreibe
Ich bin weder preisgekrönte Autorin noch gefeierte Wissenschaftlerin. Ich lebe und arbeite unter Bedingungen, die mir unendlich viel Schreibstoff liefern. Doch sind es genau diese Bedingungen, die mir das Schreiben fast unmöglich machen. Und trotzdem schreibe ich. Beim Schreiben erfahre ich, was es heißt, Mensch zu sein, und dass ich mich so mit anderen verbinde, über Zeit und Raum hinweg. Vielleicht nutze ich deshalb beim Schreiben keine KI. Jedenfalls nicht absichtlich, und jedenfalls noch nicht.18 September 2026
Die faschistische Persönlichkeit
Die Frage nach der Verfassungsfeindlichkeit von Parteien wie der AfD lässt sich nicht alleine durch einen verengten Blick auf Programmatiken, einzelne Aussagen und Forderungen oder Andeutungen über den erstrebten Umbau von Institutionen beurteilen. Sie sollte vielmehr in Rechnung stellen, wie die faschistische Gefühlspolitik auf die Anhängerschaft wirkt, wie sie die Subjekte verändert, in Raserei versetzt, mit dem Ziel, dass diese alle Hemmungen verlieren.18 September 2026
The Fascist Personality
The question of whether parties such as the AfD are hostile to the constitution cannot be answered simply by looking narrowly at their programs, individual statements and demands, or suggestions about how they intend to remake institutions. It should also take into account how fascist emotional politics affects their supporters, how it transforms its subjects and drives them into a frenzy, with the aim of making them lose all inhibitions.11 September 2026



